Die ur- und frühgeschichtliche Besiedlung der Gemarkung Halchter

von Wolf-Dieter Steinmetz (Quelle: Jubiläumsschrift zur 850-Jahr-Feier, 1999)

Natürlich markiert das Jahr der schriftlichen Erstnennung eines Ortes nicht den Zeitpunkt
seiner Gründung, schon gar nicht aber den Beginn der Besiedlungsgeschichte in seiner Feldmark. So wird auch der Ort Halchter zum Zeitpunkt seiner Ersterwähnung längst vielleicht schon mehrere Jahrhunderte bestanden haben. Hiervon aber berichten keine Schriftquellen, da diese hier ja erst vor 850 Jahren einsetzen. Von dem Geschehen in älterer Zeit, den Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden davor, berichten lediglich die Hinterlassenschaften der Menschen, die im Boden zurückblieben, die archäologischen Funde wie Scherben zerbrochener Haushaltsgefäße, Waffen, Werkzeuge, Geräte, Schmuck, Ton, Holz, Glas aus Stein, Bronze und Eisen und viele andere Hinterlassenschaften aus Leben und Arbeit unserer Vorfahren. Unter günstigen Bedingungen können auch regelrechte Befunde wie Grundrisse von Häusern, eingetiefte Werkstätten, Wohn- und Abfallgruben oder auch Gräber entdeckt werden, die weiterführende Aussagen zu Siedlungs- und Wohnweise, zu Technik und Handwerk, zu Religion und geistigen Vorstellungen, zu Handel und Verkehr erlauben. Bei guter Quellenlage läßt sich so ein Geschichtsbild rekonstruieren, das weit vor die Zeit der ersten historischen Erwähnung zurückreicht.

Für das Gebiet der Feldmark Halchter ist die archäologische Quellenlage ausgesprochen günstig. Ein umfangreiches Fundmaterial befindet sich in der archäologischen Abteilung des Braunschweigischen Landesmuseums, weitere Funde sind in dessen Archiven zumindest dokumentarisch festgehalten. Ergänzt werden diese wichtigen Sachquellen zur Geschichte durch archäologische Ausgrabungen, die hier durchgeführt worden sind.

Danach reicht die älteste bisher nachgewiesene Besiedlung in der Feldmark bis in die Zeit der frühesten Bauernkulturen, die unser Gebiet besiedelten, also bis an den Anfang der Jungsteinzeit vor etwa 7300 Jahren zurück. Diese ersten Bauern wanderten aus dem Südosten um den Harz herumkommend in unser Gebiet ein und begannen den dichten Lauburwald, der damals ganz Mitteleuropa bedeckte, für die Anlage ihrer Siedlungen und Felder zu roden.

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Archäologische Fundstellen in der Gemarkung Halchter

Die Anfänge von Ackerbau und Viehhaltung stellen den größten, einen geradezu revolutionären Einschnitt in der Geschichte der Menschheit dar. Durch die neue Wirtschaftsweise wird es ermöglicht, größere Nahrungsmittelmengen und Überschüsse zu produzieren. Gleichzeitig müssen die Menschen seßhaft werden. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen für die Entstehung größerer Siedlungsgemeinschaften mit einer verstärkten gesellschaftlichen Gliederung, die ersten Dörfer entstanden. Durch die Überschußproduktion konnten Handel und Handwerk entstehen. Gleichzeitig machte die neue Wirtschaftsweise aber auch die ersten Eingriffe des Menschen in seine natürliche Umwelt notwendig, der Beginn der Umweltzerstörung, die uns heute so beschäftigt.

Die ersten Gruppen der Einwanderer tauchten im nördlichen Harzvorland östlich der Oker um 5500 v. Chr. auf. Um spätestens 5300 v. Chr. wurde dann auch die Okerniederung nach Westen überschritten und entlang des Flußlaufes mehrere neue Siedlungen angelegt. Auch auf den fruchtbaren Böden der Feldmark Halchter, an den Hängen zum Oderwald, wurden die neuen Siedler heimisch. Durch zahlreiche Kleinfunde, die von den Pflügen aus dem Untergrund herausgerissen wurden und von Heimatforschern und Sammlern aufgelesen wurden, lassen sich die Standorte dieser ersten Siedlungen nachweisen. Eine besonders große und offensichtlich lange genutzte Siedlung lag in der nordwestlichen Feldmark von Halchter zwischen dem Fümmelser Holz und dem Halchterschen Forst. Neben den besonders kennzeichnenden Tonscherben dieser Menschen, die nach ihrem typischen Verzierungsstil auch als Linienbandkeramik angesprochen werden, fanden sich zahlreiche Steinbeil- und Steinaxtklingen sowie die Fragmente der Mahlsteine, auf denen die frühen Bauern ihr einfaches Getreide gemahlen haben. Nach Ausweis der Funde dürfte die Siedlung etwa 300 bis 400 Jahre bestanden haben und wurde nach einer Unterbrechung Mitte des 5. Jahrtausends nochmals für mehrere Generationen lang bewohnt.

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Die ersten eingewanderten Bauern der Jungsteinzeit rodeten  den dichten, damals hier bestehenden Lauburwald zur Anlage ihrer Felder und zum Bau ihrer  Häuser. Ähnliches wird sich vor 7000 Jahren in der nordwestlichen Feldmark von Halchter  zwischen Fümmelser Holz und Halchterschem Forst auf der dort entdeckten archäologischen  Fundstelle aus dieser Zeit zugetragen haben.

Nach der Streuung der Funde kann man annehmen, daß die besiedelte Fläche durchaus 150 x 250 m betragen haben kann. Nach den Erfahrungen von anderen Fundstellen dieser Zeit, die archäologisch großräumig untersucht wurden, wird man davon ausgehen können, daß hier eine Siedlung mit drei bis fünf Gehöften und vielleicht 60 bis 100 Einwohnern bestanden hat.

Eine zweite Siedlung aus dieser Zeit hat im Süden von Halchter auf dem heutigen Friedhof gelegen. Eine Abfallgrube und weitere Siedlungshinweise konnten dort bei der Ausschachtung von Gräbern 1937 beobachtet werden. Auch konnte oberflächlich die Ausdehnung der Siedlung durch Funde beobachtet werden, sie war offensichtlich etwas kleiner als die zuerst genannte und hat auch nicht so lange bestanden.

Von mehreren weiteren Fundstellen in der Feldmark liegen Funde von Steinbeilklingen aus dieser Zeit vor. Sie belegen keine weiteren Siedlungen, sondern geben lediglich Hinweise auf die intensive wirtschaftliche Nutzung der Feldmark um die beschriebenen Dörfer dieser Zeit herum. Beile gehören zu den wichtigsten Werkzeugen und Geräten des ur- und frühgeschichtlichen Bauern. Sie dienten zum Roden der Felder, zum Bau der auch in dieser frühen Zeit bereits recht massiven Bauernhäuser und für zahlreiche andere handwerkliche Tätigkeiten mit dem wichtigen Werkmaterial Holz.

Steinbeilklingen erhalten sich praktisch unzerstörbar im Boden und sind aufgrund ihrer Bearbeitungsform auch von Laien gut zu erkennen. So verwundert es nicht, daß sie als Fundgruppe in großer Zahl besonders auch in der Feldmark von Halchter auftreten. Da sie sich formenmäßig im Verlaufe der Jungsteinzeit weiterentwickelten, läßt sich eine Begehung der Feldmark auch nach der beschriebenen frühesten Kolonisationsphase des späten 6. und frühen 5. Jahrtausends nachweisen. Das Auftreten der Steinbeile ist dabei zum Teil derartig massiert, daß man dahinter Siedlungen vermuten muß, auch wenn diese archäologisch nicht nachgewiesen sind. Fundballungen lassen sich dabei insbesondere in der nördlichen Feldmark südlich und westlich der Weißen Schanze, sodann auf dem altbekannten Fundplatz zwischen Fümmelser Holz und Halchterschem Forst durch die ganze Jungsteinzeit hindurch, also auch für das späte 5., das 4. und das 3. Jahrtausend v. Chr. nachweisen. Natürlich ist damit keine ununterbrochene Siedlungskontinuität nachgewiesen, doch werden diese günstigen Hanglagen im Verlaufe der über dreitausend Jahre dauernden Jungsteinzeit immer wieder von Siedlergruppen aufgesucht.

Einen neuen Siedlungsschwerpunkt scheint es dann am Ende der Jungsteinzeit und in der frühen Bronzezeit, das heißt in den Jahrhunderten um 2000 v. Chr. gegeben zu haben. Gerade auf dem Rücken des auslaufenden Oderwaldes südlich der Weißen Schanze konzentrieren sich die Funde aus dieser Zeit. Insbesondere sind es nun Steinaxtklingen, die hier besonders zahlreich auftreten. Bei diesen jetzt auch durchlocht vorkommenden Formen handelt es sich meistens nicht mehr um Arbeitsgeräte, sondern um Waffen, also Streitäxte. Sie sind offenbar Ausdruck einer kriegerisch ausgerichteten Gesellschaft, die möglicherweise mit der Einwanderung der Indogermanen im 3. Jahrtausend v. Chr. in Zusammenhang zu bringen ist. Die Wirtschaftsweise dieser Gesellschaft beruhte weniger auf dem Ackerbau als auf der Viehhaltung, insbesondere von Rindern. Häufig gelangten diese Streitäxte gar nicht als Siedlungsreste in den Boden, sondern als Beigaben von Männergräbern. Da diese Bestattungsplätze meistens auf Bergrücken angelegt wurden, wie es auch in unserem Fall vorliegt, könnte es sich hier durchaus auch um die Reste eines ausgepflügten Friedhofes aus dieser Zeit handeln.

Die Formgebung der Streitäxte ist dem Werkstoff Stein eigentlich fremd, niemand würde von sich aus auf die Idee kommen, eine Steinaxt in derartiger Form zu bilden. Sie wurden eindeutig metallenen Vorbildern nachempfunden, welche zwar noch nicht im Lande hergestellt wurden, als Importstücke vom Balkan aber bereits bekannt waren. Da diese noch recht selten waren und natürlich einen hohen Wert besaßen, den sich viele nicht leisten konnten, versuchte man – offenbar eine alte menschliche Eigenschaft – sich ein Äquivalent zu schaffen, indem man sie in Stein nachbildete. Immerhin verkündeten diese Imitationen das Heraufziehen einer neuen Geschichtsepoche, der ersten metallverarbeitenden Kulturen, den Beginn der Bronzezeit.

Die ältesten Produkte dieser neuen Technologie lassen sich wiederum aus dem Norden der Feldmark nachweisen. Auch diesmal handelt es sich um Beilklingen, nunmehr aus Bronze, die das Fundbild bestimmen. Auf der Schanzbreite soll, wohl um die Jahrhundertwende, ein Depotfund von drei derartiger Bronzebeilklingen ausgepflügt worden sein, zwei davon befinden sich heute noch in der archäologischen Sammlung des Landesmuseums. Derartige Depots, bei denen mehrere Metallgegenstände, meistens gleicher Funktion, offensichtlich bewußt in der Erde niedergelegt worden waren, lassen sich heute als Warenlager von reisenden Händlern interpretieren. Vielleicht ist es ein Hinweis darauf, daß der mittelalterliche Verkehrsweg, der am Westufer der Oker von Süden nach Norden führte und möglicherweise an den Furten bei Ohrum und im Bereich des heutigen Wolfenbütteler Schlosses ein Abzweigen auf die Ostwestverbindungen ermöglichte, bereits in der Bronzezeit als Fernhandelsweg bestanden hat.

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Bronzezeitlicher Wanderhändler bietet seine Waren an. Dass  sich ähnliche Szenen in der Umgebung von Halchter vor 4000 Jahren abgespielt haben  werden, zeigt der Fund eines Händlerdepots von Bronzebeilbklingen aus der nördlichen  Feldmark.

Denn die Bronzezeit war die Zeit des Handels. Bronze ist eine Legierung aus Kupfer und Zinn, von zwei Rohstoffen also, die durchaus nicht überall natürlich anstehen. Sie mußten über weite Strecken herantransportiert werden. Auf dieser Grundlage entwickelte sich zur Versorgung eine weitreichende Handelsstruktur, die quer durch Europa führte. Mit einer politischen Führung, die dieses Handelssystem kontrollierte, entstand eine neuartige Gesellschaftsschicht, die über erhebliche Fernverbindungen bis ins Mittelmeergebiet hinein verfügte und intern gleichzeitig zu straffer organisierten Verkehrsräumen und Stammesorganisationen führte.

Mit den Bronzegießern und Bronzeschmieden entstand erstmals ein Handwerkszweig, der aufgrund seiner hohen Anforderungen nur noch von Spezialisten professionell betrieben werden konnte und sich so eine entsprechende Handwerkstradition, ein Zunftdenken würde man im Mittelalter sagen, herausbildete. Zwar ist in diesem frühen Abschnitt der Bronzezeit in den Jahrhunderten um oder kurz nach 2000 noch keine eigenständige Bronzeverarbeitung in der Gegend um Halchter nachgewiesen, aber doch sehr wahrscheinlich, da sowohl an der Lehmkuhlenbreite wie im Ort Halchter selbst schwere sogenannte Felsabsatzbeile gefunden wurden, die heute allgemein als Geräte zum Schmieden von Bronzeblech und zum Zertrümmern der Metallerze interpretiert werden.

Da im frühen Abschnitt dieser Epoche die Metallgeräte aber immer noch selten und teuer waren, versuchte man auch weiterhin, die Vorbilder in Stein nachzuarbeiten. Insbesondere das Steinschlägerhandwerk entwickelte im Konkurrenzkampf mit der neuen Technologie eine ungeahnte Meisterschaft, die sie aber letztendlich doch verlieren mußte. In dieser Zeit entstanden kunstvoll gearbeitete Feuersteindolche, die ebenfalls eindeutig das Metallvorbild erkennen lassen. Besonders schöne Exemplare solcher Feuersteindolche wurden im Stöckenbusch und an der Schanzenbreite gefunden. Aufgrund ihres guten Erhaltungszustandes ist es sogar vorstellbar, daß auch sie als Beigaben von Gräbern gedient haben. Der vermutete Friedhof der späten Jungsteinzeit wäre dann bis in die frühe Bronzezeit hinein weiterbelegt worden.

Im weiteren Verlauf der Bronzezeit wird es dann scheinbar ruhiger in der Gemarkung von Halchter. Lediglich zwei Bronzetüllenbeile vom Stöckenbusch, die etwa in die Zeit um 1000 v. Chr. zu datieren sind, lassen sich für den Rest der Bronzezeit noch aufführen. Auch für die restlichen Jahrhunderte der Bronzezeit und für die beginnende Eisenzeit, also fast das gesamte erste Jahrtausend v. Chr., lassen sich keine archäologischen Nachweise für eine Begehung oder gar eine Besiedlung durch den Menschen beibringen. Es ist durchaus vorstellbar, auch wenn die Gründe nicht immer erkennbar sind – sie können vielfältigster Ursache sein -, daß die Feldmark in diesen Jahrhunderten eben tatsächlich nicht besiedelt wurde.

Gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. ändert sich dieses Bild schlagartig. Auf dem sogenannten Stadtfeld am nördlichen Ortsrand von Halchter gründeten zuwandernde Menschengruppen eine neue Siedlung. Bei der Erbauung der heutigen TÜV-Anlage konnte dieses Siedlungsgelände archäologisch vom damaligen Bezirksarchäologen Hartmut Rötting archäologisch in mehreren Ausgrabungskampagnen untersucht werden. Zahlreiche Siedlungsreste, Hausgrundrisse, Abfall- und Funktionsgruben mit einem umfangreichen Fundmaterial konnten hier dokumentiert und geborgen werden.

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Bauerngehöft der germanischen Eisenzeit. Ähnliche Höfe haben nach den Ergebnissen der archäologischen Ausgrabungen auf dem  Gelände des TÜV im Gewerbegebiet von Halchter in den Jahrhunderten um Christi Geburt bis  ins 5. Jahrhundert hinein bestanden.

Die Funde belegen ein Bestehen der Ansiedlung von den letzten Jahrzehnten vor Christi Geburt bis ins 4., vielleicht sogar 5. Jahrhundert n. Chr. hinein. Damit entspricht diese Siedlung von Halchter einem Trend der Zeit. Durch einen offenbar aus dem Westen kommenden starken Bevölkerungszuzug wurden in dieser Zeit im Nordharzvorland zahlreiche Siedlungen neu gegründet, wobei es sich jetzt bereits um Germanen handelte. Die Kleinfunde ermöglichen es den Archäologen auch, die Stammeszugehörigkeit dieser Menschen zu bestimmen. Sie gehörten zu den Cheruskern, jenem Stamm, der sich wenige Jahrzehnte später durch seine Kämpfe gegen die vordringenden Römer auszeichnen sollte. Die Kleinfunde belegen außerdem, daß intensive Beziehungen zu den unmittelbar nordöstlich und südöstlich benachbarten Langobarden und Hermunduren unterhalten wurden.

Nach dem Ende auch dieser Siedlung auf dem Stadtfelde im 5. Jahrhundert fehlen uns bis zum Beginn der schriftlichen Überlieferung im 12. Jahrhundert noch gut 700 Jahre, welche durch die historischen Quellen sowohl archäologischer wie schriftlicher Art nicht belegt werden können. Wie in früheren Zeitabschnitten auch, wäre ein vollständiger Besiedlungsabbruch durchaus denkbar. Es ist aber genauso gut vorstellbar, daß die fehlenden Jahrhunderte zukünftig durch neue archäologische Funde überbrückt werden können. Auf jeden Fall läßt sich aber für die Feldmark Halchter nachweisen, daß es in ihr bereits vor Beginn der schriftlichen Überlieferungen im Jahre 1140 eine vieltausendjährige, ausgesprochen differenzierte und interessante Geschichte gegeben hat.

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