Halchter im 30-jährigen Krieg

(Quelle: Volker Rusteberg, Geschichte des Dorfes Halchter, Wolfenbüttel 1988)

Der 30jährige Krieg, der von 1618 – 1648 in Mitteleuropa wütete, begann als Religionskampf. In ihm entluden sich aber nicht nur die Spannungen zwischen den katholischen und protestantischen Staaten, sondern auch die zwischen den Landständen und Fürsten, den Reichsstädten und dem Kaiser. 1623 siegte das katholische Heer der Liga unter Tilly bei Stadtlohn über das protestantische Heer unter Christian von Braunschweig, mit der folgenden Besetzung Niedersachsens kam der Krieg auch nach Halchter.

Festgehalten wurden die Ereignisse jener Zeit von den Pastoren Melchior Friess (1618 – 1626), Laurentius Wideburg (1626 – 1638) und Johannes Auspurgius (1638 – 1647) im Kirchenbuch der Gemeinde.

1625 rückte Christian IV. von Dänemark (prot.), gestützt auf englische, niederländische und französische Subsidien, nach Süden vor. 1626 wird sein Heer bei Lutter am Barenberg durch Tillys Heer geschlagen, womit der Krieg direkt vor der Tür stand. Die Festung Wolfenbüttel – sie galt als stärkste Anlage ihrer Art in Norddeutschland – war 1626 noch von dänischen Truppen besetzt und mußte damit das nächste Ziel der katholischen Verbände sein. Bereits im Januar 1626 hatten die Kriegsereignisse auf Halchter übergegriffen:

„(. . . ), in Calenthal (Kaltem Tal) gestorben, dahin sie mit dem Kindlein vor den Tillyschen

Crabaten geflohen, welche den 16. Januar zuvor in Halchter kommen, alle Leute ausgejagt, und über 100 Pferde und Kühe weggetrieben, und ist das Kindlein hierhergebracht und begraben. Zum 22. Januarii ist Ludeke Buchholz, welcher mit einem Fieber beladen gewesen, und weil er ubel zu f uss, von den Crabdfen ergriffen, doch wieder entkommen, einer aber ihn mit der wehre in das wamms, doch uff dem leibe unbeschadet, er aber darüber ubel erschrocken, das sich die krangheit sehr gemehret, und also druber gestorben und begraben. Am Sonntag Quinquasimae ist Ludeke Holstein ein heusling begraben worden, welcher auch in der Feinde Hande geraten, als sie zuvor am 28. Januarii etliche aus der gemeine Alte im Holze mit Wagen und Pferden weggenommen und gen Osterwiegk gefuhret. Dabey Jürgen Rosenthal, Jürgen Drogen und Andreas und Zacharias Wrede, Hans Scheppelmann, Heinrich Drogen und dieser Ludeke auch mit ergriffen aber auffm (?) entrennet und von Erschrecknis krank word und gestorben“.

Derartige Eintragungen ziehen sich durch das ganze Jahr 1626, in dem 36 Männer, 33 Frauen und 53 Kinder aus Halchter starben, die meisten durch direkte oder indirekte Auswirkungen des Krieges.

Im Dezember 1627 wurde Wolfenbüttel von den kaiserlichen Truppen unter General Graf von Pappenheim erobert. Zwischen Groß Stöckheim und Leiferde war ein Damm quer durch das Okerbett aufgeschüttet worden, die dadurch hervorgerufenen Überschwemmungen hatten die dänische Besatzung zur Aufgabe gezwungen. Für die nächsten fast 16 Jahre besetzten die kaiserlichen und bayerischen Truppen Wolfenbüttel. Dargestellt wurde die Überschwemmungssituation 1627 auf einer Karte, nach der der Rückstau der Oker bis Ohrum reichte.

Die Dörfer Halchter und Linden wurden in der Karte gar nicht verzeichnet, vermutlich weil sie durch die vorangegangenen Ereignisse und das Hochwasser erheblich zerstört worden waren. Denn es waren nicht nur die kaiserlichen Truppen, die über das Dorf herfielen.

Im Kirchenbuch von Halchter aus dem Jahr 1627 findet sich folgende Eintragung:

„lnn diesem Jahre ist dieses Dorff neben den anderen umbliegenden vom Graffen vonn Solms in grundt abgebrannt und sind die (?) die meisten inn Wolfenbüttel bey waehrender plokquierung geflohen, ein theil in Braunschweig, ( . )„.

Der Reichsgraf Solms war nicht etwa ein Heerführer der katholischen Truppen, sondern der Kommandant der dänischen Truppen in Wolfenbüttel, die nach der dänischen Niederlage bei Lutter am Barenberg in der Festung geblieben waren. Solms ließ Ende Juli/Anfang August 1627 die Gegend um Wolfenbüttel verwüsten und das Rote und Graue Vorwerck niederreißen. Der Anlaß war der Wechsel des Herzogs in die kaiserliche Partei.

Mit der Besetzung der Festung Wolfenbüttel „beruhigte“ sich auch die Lage für die Einwohner Halchters, d. h. die meisten werden zu diesem Zeitpunkt auch erst wieder in das Dorf zurückgekehrt sein. Der Winter 1627/28 brachte aber schon die nächsten Leiden, da von der Ernte und dem Vieh durch die plündernden Landsknechte und die Kriegshandlungen kaum etwas übrig geblieben sein kann. Hinzu kamen die hohen Kontributionszahlungen, die erst an die dänische, dann an die kaiserliche Besatzung geleistet werden mußten.

Im Frühjahr 1628 ging man an den Wiederaufbau der Kirche und des Pfarrgebäudes. Um dies jedoch bezahlen zu können, mußte die Gemeinde die „Fuleriede“, eine Wiese zwischen zwei Okerarmen vor Wolfenbüttel, wiederkäuflich an den Rat der Heinrichstadt verpfänden. Dafür erhielt die Gemeinde „vierhundertfünfzig Gulden Munz Braunschweiger Wehrung, jede zu 20 Mariengroschen gerechnet“. Der Vertrag wurde durch Herzog Friedrich Ulrich am 1. 5. 1628 bestätigt:

„(… ), weil durch die von der königlich dänischen alhir in unserer Vestung Wolffenbüttel von diesen gelegene Guarnison, selbig unser Dorff und darunter auch das Pfarr: und Opferhaus gantz und gahr in die Aschen gelegt worden, sie aber zur wieder aufbauung derselben beiden Heuser in andere wege kein mittel und rath, als nur mit verpfend: und verkauffung einer ihnen Eygenthumblich zustehenden und vor unserem Neuen Hartz Thor naher Halchter worths zwischen dem alten und neuen Oker belegenen Wiese, (… )“.

Darüber, wie sich das Leben im Dorf in den folgenden Jahren gestaltete, ist nichts bekannt, da selbst das Kirchenbuch bis 1636 nicht fortgeführt wurde.

Doch der Krieg war noch nicht beendet. Mit dem Eingreifen der Schweden unter Gustav Adolf 1630 auf protestantischer Seite wurden die kaiserlichen Heere unter Tilly in der folgenden Zeit besiegt. 1641 schlagen die vereinigten schwedischen und welfischen Truppen an der „Weißen Schanze“ die kaiserlichen. Ein erneuter Dammbau – der sogenannte“Schwedendamm“ – führt jedoch nicht zur erhofften Eroberung Wolfenbüttels. Erst 1643 ziehen die kaiserlichen Truppen aus Wolfenbüttel ab.

Die durch den Schwedendamm verursachten Überschwemmungen müssen jedoch wieder erheblich gewesen sein. Auf einem Hügel – dem „Langen Reckel“ beim Bungenstedter Turm mitten in der Oker stand ein Grenzstein zum hildesheimischen Amt Schladen . Der Hügel ist durch das aufgestaute Wasser überschwemmt worden, dadurch aufgeweicht und auseinandergeschwemmt, der Stein versank in der Oker. An der vermuteten Stelle wurde später ein Pfahl zur Grenzmarkierung eingeschlagen, was jedoch sofort zu Streitigkeiten mit dem Amt Schladen führte. Da auch die Lage der zweiten Grenzmarkierung durch den „Blauen Stein“ – auch „Naußen Stein“ – am Bungenstedter Turm umstritten war, zogen sich die Streitigkeiten und handgreiflichen Auseinandersetzungen bis zur Generallandesvermessung 1747 hin.

30jaehrigerkrieg

Einher mit dem Dammbau – und der folgenden Überschwemmung in Halchter –  ging die Belagerung von Wolfenbüttel, die mit der blutigen Schlacht vom 29. 6. 1641 ihren Höhepunkt erreichte. Diese Situation ist dargestellt in der Karte:  „Eigentliche Abbildung der Belagerung . . . “ vom Lieutnant der Artillerie Th. Kluge.

Die kaiserlichen Truppen waren westlich Halchters zwischen Ohrum und Wolfenbüttel aufgestellt, zwischen Wolfenbüttel und Halchter befand sich zudem das „Croatisch lager“ und „Ihr Hochf: Durchl. v. Gen. Piccolomini leibguardi“. Es ist zu vermuten, daß bei dem Gefecht am 29. Juni, das mit großem Einsatz von Geschütz stattfand, Halchter wiederum zerstört wurde. Überliefert wird dies, allerdings ohne genauen Zeitpunkt, in den statistischen Angaben des Pastors Eimbcke 1773: „Der Pastor zu Halchter und Linden Johannes Auspergius schreibt in einem gewissen supplicato von 1645 an den Höchstseel. Herzog August: (folgendes im Original lateinisch, d. Verf.)

„Nicht so sehr bin ich neuerdings durch den beklagenswerten Zustand dieses Ortes dazu veranlaßt worden, ein Lied zu verfassen, für die vor fünf Jahren ruchlos von den kaiserlichen Soldaten zerstörte Kirche, in welchem ich nicht nur deren Aussehen beklagt und endlich seine Priester geschildert habe, sondern ich habe zugleich die Hilfe der Freigebigkeit erfleht„.

Hiernach wäre die Zerstörung des Dorfes 1640 gewesen, was jedoch unwahrscheinlich ist, da zu diesem Zeitpukt keine größeren Kampfhandlungen stattfanden, plündernde Landsknechte sich aber kaum mit der Zerstörung massiver Gebäude aufgehalten hätten.

1648, im Jahr des Westfälischen Friedens zu Münster, ist die Kirche wiederhergestellt, auch das Dorf selbst erholt sich im Vergleich zu anderen Ortschaften des Herzogtums relativ schnell. Die Nähe der Residenzstadt war“Fluch und Segen“ für das Dorf: In Kriegszeiten wurde es stets schwer in Mitleidenschaft gezogen, in Friedenszeiten war die Stadt ein naher Absatz- und Geschäftsplatz. Und da Agrarpolitik in jener Zeit in erster Linie hieß, die Siädt mit Lebensmitteln zu versorgen, hatte auch der Herzog – natürlich neben den Steuereinnahmen, die ihm nur besetzte Hofstellen brachten – ein außerordentliches Interesse am Funktionieren der stadtnahen Landwirtschaft.

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